Humanismus & Psychotherapie

Wie uns weisser Marmor an uns selbst erinnerte

Michelangelos David symbolisiert eine geschichtliche Wiedergeburt, die auch unser Zeitalter noch entscheidend prägt. Welche Spuren hinterließ er damit an der modernen Psychotherapie?

Der Geist des Humanismus durch die Hände eines Meisters in weissem Marmor verewigt: Michelangelos David

Er schlug mit einem leisen Klingen auf den filigranen Meissel, der das einzigartig gleichmäßige Gestein brach.

Ein kleiner Splitter traf sein Augenlid. Er atmete scharf ein. Seine sonst so stoische Ruhe wurde von innerer Rastlosigkeit gestört. Heute war wieder einer dieser Tage. Die alten Fragen liessen ihn nicht los:

Wie konnte der epochale Geist der Antike nur verloren gehen? Wie konnte die Schönheit und der unbeugsame Wille des ganzen Menschen, der Giganten bezwingen konnte, nur im Barbarismus der »mittleren Zeit« verschüttet werden?

Er nahm einen tiefen Atemzug und setzte sein Werk fort – erfüllt von der Vision, dem antiken Geist durch die Perfektion seines Werkes eine Wiedergeburt zu ermöglichen.

Die Wiedergeburt eines verschütteten Weltbildes

Die riesige Skulptur aus weissem Marmor ist eine wortwörtlich in Stein gemeisselte Überlieferung der zweiten grossen Welle humanistischen Denkens in der italienischen Renaissance.

Sie spricht von der Liebe des Menschen zur Welt – zur Natur wie zur Kultur. Zu sich selbst und zu allen anderen Geschöpfen. Es ist das sehnsüchtige Streben nach dem tiefen schöpferischen Potential des Menschen.

Die ersten dokumentierten Ursprünge des Humanismus finden sich in der Antike. Was in Athen mit Platon begann, wurde von Cicero in der römischen Humanitas zum ersten Mal durch zwei tragende Säulen definiert: Bildung und Charakterbildung.

Oder anders gesagt: Wissen und Wärme. Humanismus ist also das Streben danach, ein fähiger und fühlender Mensch zu werden.

Von der Philosophie zur Praxis

In der Renaissance erwachte der humanistische Geist also erneut und begleitet uns durch die Jahrhunderte. Er schlief nie wieder völlig ein – wie damals, im Barbarismus der »mittleren Zeit« zwischen Antike und Renaissance.

Zum Ende des 20. Jahrhunderts gewinnt humanistisches Denken wieder an Kraft – und findet seinen Weg in die Psychologie und Psychotherapie.

Die Gründung der Amerikanischen Vereinigung für Humanistische Psychologie (AHP) durch Abraham Maslow, Carl Rogers und Virginia Satir markiert den Eingang des Humanismus in das psychotherapeutische Denken und Handeln.

Der Mensch sollte nun endlich als ganzes Wesen mit einer komplexen Psyche gesehen werden – nicht als biologischer Unfall, der versehentlich in die Bewusstheit gestolpert ist.

Ein neues Bild von psychischer Gesundheit

Die Rückkehr der Lebendigkeit

Psychische Gesundheit wird von der WHO folgendermaßen definiert:
Psychische Gesundheit ist ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann.
Spüren Sie das Feuer? Die Tiefe? Die Vision?

Deshalb geht die humanistische Philosophie etwas tiefer. Sie sucht nach echter Lebendigkeit und der Fähigkeit, sich selbst und anderen Menschen mit Liebe und Respekt zu begegnen. Es ist die Suche nach der Freiheit, seine persönliche Vision von Menschlichkeit auszudrücken und zu leben.

Es geht um das Schürfen nach den entscheidenden Fragen unserer Existenz. Das Erreichen unserer inneren Quelle. Humanismus ist die Suche nach Verbundenheit – zu uns selbst, zu anderen Menschen und zu allem, was uns umgibt.

Was hat das Leben zu bieten, wenn ich voll da bin?

Und warum bin ich überhaupt da?

Was sind psychische Störungen?

Nach Auffassung der humanistischen Therapie sind psychische Störungen nichts anderes als Entfremdungen.

Als Kleinkind waren wir ganz. Die Welt war wunderlich, doch seltsam vertraut – dann erst wurde sie fremd. Seelische Verletzungen gaben uns einen Grund dazu, Teile unseres authentischen Wesens zu unterdrücken und unsere Energie aus der Welt zurückzuziehen.

Wir haben unsere Verbindung zum Selbstschutz gekappt und uns dadurch schließlich sogar von uns selbst entfremdet.

Wovon können wir uns im Prozess des Aufwachsens entfremden?
Unserem eigenen Körper und Empfindungen
Unseren Gefühlen und der darin enthaltenen Lebensenergie
Unseren Fähigkeiten und natürlichen Kompetenzen
Unseren Erfahrungen und Erinnerungen
Unserer Selbstwahrnehmung und unserem Selbstbild

Im Entfremdungsprozess geben wir natürlich nicht nur die intime Nähe zu uns selbst auf – sondern auch zu anderen Menschen. Selbstentfremdung führt immer auch zu einer größeren Distanz in sozialen Bindungen und Beziehungen. Und schließlich verlieren wir den Kontakt zu unserer Umwelt.

Gibt es etwas, das uns dabei helfen kann, diese Entfremdung wieder in Lebendigkeit zu verwandeln?

Die Prinzipien der Humanistischen Psychotherapie

Fünf Schlüssel zu Entfaltung Ihrer Seele

Um die erfahrene Entfremdung erkennen, verstehen und transformieren zu können, fusst die Humanistische Psychotherapie auf fünf wesentlichen Prinzipien:
Therapeutische Haltung
Präsenz
Ressourcenorientierung
Existenzialismus
Arbeit mit dem Unterbewusstsein

Diese bilden das Fundament, auf dem Sie sanft jeglicher Entfremdung und empfundener Zerbrechlichkeit Ihrer Erfahrung begegnen können. In diesen fünf Prinzipien ist die Saat einer neuen Erfahrung angelegt. 

1. Therapeutische Haltung – Der Schlüssel zur Öffnung

Alle humanistischen Therapieansätze vereinigt eine offene, wertschätzende und mitfühlende Haltung.

Es ist die Begegnung zweier Menschen, kein kühles Aufeinandertreffen von Arzt und Patient. Dabei liegt der gemeinsame Fokus auf Gesundheit und Lebendigkeit, nicht Krankheit.

Für beiden Seiten ist die Begegnung neu, die gegenwärtige Szene frisch in den Drehbüchern unserer Leben. Das verlangt absolute Aufmerksamkeit und Verantwortung: Auf beiden Seiten braucht's den ganzen Menschen.
Wenn Dir jemand wirklich zuhört, ohne dich zu verurteilen, ohne dass er den Versuch macht, die Verantwortung für Dich zu übernehmen oder Dich nach seinen Mustern zu formen – dann fühlt sich das verdammt gut an.

Jedes Mal, wenn mir zugehört wird und ich verstanden werde, kann ich meine Welt mit neuen Augen sehen und weiterkommen. Es ist erstaunlich, wie scheinbar unlösbare Dinge doch zu bewältigen sind, wenn jemand zuhört.
– Carl Rogers, Mitbegründer der Amerikanischen Vereinigung für Humanistische Psychologie
Wie sollte ein solches Zuhören ohne absolute Präsenz funktionieren?

2. Präsenz – Der Schlüssel zum gegenwärtigen Moment

Genau genommen gibt es keine Vergangenheit. Und auch keine Zukunft. Nichts jemals Erlebtes wurde ausserhalb des gegenwärtigen Moments erlebt.

Alles findet immer in einem ewigen Jetzt statt – und Ihr individuelles Bewusstsein ist immer das Zentrum Ihres Erlebens.
Humanistische Psychotherapie
Wenn Sie jetzt die Gelegenheit hätten, zu neuen Erfahrungen aufzubrechen – würden Sie sie nutzen?
Natürlich können Sie sich an vergangene Szenen Ihres Lebens erinnern und sich großartige Dinge für Ihre Zukunft vornehmen. Doch werden Ihre vergangenen Muster und zukünftigen Potentiale, weil sie auch jetzt gerade in Ihnen präsent sind, immer im gegenwärtigen Moment sichtbar. Dadurch können wir sie erleben und verstehen – und schliesslich verändern.
Die Tür zur Erfahrung lässt sich nur von innen öffnen.
– Carl Rogers
Die Humanistische Psychotherapie erhält dadurch einen experimentellen Charakter. Weil sie sich an der unmittelbaren Erfahrung im Hier und Jetzt orientiert, wird der Prozess nur schwer planbar und zu einem Spiel zwischen Therapeut und Klient, das auf kooperativer Kreativität basiert.

Das heisst: Was jetzt gerade ist, hat Platz und darf sein. Es hilft der Vertiefung Ihres Prozesses und dem Schürfen nach Ihren individuellen Ressourcen.

3. Ressourcenorientierung – Der Schlüssel zur inneren Quelle

Ressourcenorientierung bezeichnet den therapeutischen Fokus auf die starken, entwicklungsfähigen und sicheren Anteile jedes Menschen.

Ein verwundeter Mensch mit komplizierter Vergangenheit mag ein Selbstbild haben, das kaum Licht zulässt – und doch ist diese Selbstwahrnehmung nur eine Verzerrung seines Bewusstseins. Wir haben als Menschen unvermeidlich wertvolle, angeborene Ressourcen, die in der therapeutischen Arbeit das Fundament für die psychologische Entwicklung sind.

Neben Ihrem individuellen Charakter haben Sie universelle Qualitäten – wie die Fähigkeit sich selbst zu reflektieren und sich jederzeit frei dazu zu entscheiden, ihr Leben zum Positiven zu wandeln. Diese können Sie jederzeit rufen, um einen entscheidenden Schritt nach vorn zu machen.
Entweder machst du einen Schritt nach vorn ins Wachstum – oder einen Schritt zurück in die Sicherheit.
– Abraham Maslow, Mitbegründer der Amerikanischen Vereinigung für Humanistische Psychologie
Ein solcher Schritt fällt natürlich leichter, wenn wir eine zentrale Frage beantworten können: Warum wagen wir den Schritt überhaupt?

4. Existenzialismus - Der Schlüssel zur Tiefe Ihres Wesens

Im Kern des humanistischen Therapieansatzes geht es um die tiefen Fragen des Menschseins. Der Mensch ist unvermeidlich der Mittelpunkt des eigenen Erlebens.
Humanistische Psychotherapie
Was steckt hinter dem lebendigen Schimmern wacher Augen?
Während Sie diese Zeilen lesen, machen Sie sich die selbstverständliche Funktionsfähigkeit Ihrer Augen, Ihres Bewusstseins und Ihres gesamten Körpers zunutze, der diesen Moment zu tragen weiss. Dieses bedingungslose Fundament wirft Fragen auf.
Wie sind Sie hierher gekommen?
Wo gehen Sie hin?
Was fangen Sie mit dieser einzigartigen Gelegenheit an?

Diese Fragen führen Sie zur Basis des humanistischen Therapieansatzes: Der Mensch als verkörpertes Wesen. Ohne Körper geht's nicht – versuchen Sie's doch mal! Diese Überlegung rückt die immense Bedeutung unseres »biologischen Raumschiffes« in den Vordergrund.

Also: Warum sind wir überhaupt hier – in einem Körper und bewusst, lachend und leidend? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen hat einen belebenden Effekt. Wir werden langsam von einer Faszination erfüllt, dass überhaupt irgendetwas ist.

Wäre es für das Universum nicht viel einfacher und energiesparender, wenn einfach nichts wäre?
Humanistische Psychotherapie
Wenn es nicht um kosmische Energie-Effizienz geht, worum geht es dann?
Daraus folgt eine weitere Frage: Was gibt es zu verlieren? Was wir erleben, ist doch bereits vollkommen unglaublich. Und doch ist da noch mehr.

Für dieses einzigartige verkörperte Erlebnis wurde uns auch noch ein Begleiter an die Seite gegeben, der uns auf unserem Weg unterstützt.

5. Arbeit mit dem Unterbewusstsein – Der Schlüssel zum Wachstum

Unser Unterbewusstsein ist ständig aktiv, auch wenn wir schlafen.

Es ist einerseits Ort verdrängter Erinnerungen und Gefühle, unser psychologischer Keller. Dort haben wir alle Wesenszüge und unerwünschten Verhaltensweisen weg gesperrt, die von unserer Umwelt nicht akzeptiert wurden. Auch schlummern hier die Erinnerungen, die schlicht zu schmerzhaft waren, um sie als bewusste Erinnerung zu behalten.

Als wir die Tür schlossen, um endlich sicher vor uns selbst zu sein, haben wir zwischen ungeliebten Wesenszügen und schmerzhaften Erinnerungen auch unser natürliches Selbstbewusstsein und unsere Lebensfreude zurückgelassen.

Zugleich ist das Unterbewusstsein der Ort unserer Selbstheilungskräfte. Sobald wir Kontakt zu ihm aufnehmen und uns dabei sicher und angenommen fühlen, kann uns dieser Teil unseres Bewusstseins wertvolle Hinweise geben, wohin es gehen soll.

Es ist paradox. Diese subtile Stimme, die langsam wieder lauter werden darf, kennt uns besser als wir selbst. Sie hat Informationen, die vielleicht lange Zeit verschüttet gewesen waren und uns doch besser durch die Welt navigieren können als unser so sorgfältig geschärfter bewusster Geist.
Fast unser ganzer Geist ist unbewusst. Wir müssen lernen, mit diesem mysteriösen Teil unseres Geistes zu kommunizieren. Dieser hat seine eigene Sprache – und Symbole helfen uns, ihn zu entschlüsseln.
– Elsa Punset
Nach dieser Idee trägt der Mensch alle Ressourcen zur Befreiung aus psychischem Leid bereits in sich. Jedoch wird unsere psychische Freiheit dort gefangen gehalten, wo wir sie nicht vermuten: In unseren Fehlern, Komplexen und Unvollkommenheiten.

Natürlich sind diese Prinzipien nicht nur im therapeutischen Setting anwendbar. Jeder Mensch kann uns das Geschenk machen, uns wirklich zuzuhören. Wir können jederzeit in die bewusste Präsenz gehen, uns an unsere Stärken erinnern, unser Dasein wirklich spüren oder unser Unterbewusstsein sprechen lassen.

Und doch dienen sie den Zielen der Humanistischen Psychotherapie, Sie bei der Wiederentdeckung Ihrer Lebendigkeit zu begleiten.

Die Ziele der Humanistischen Psychotherapie

Der Pfad zurück zum ganzen Menschen

Das zentrale Ziel der Humanistischen Psychotherapie ist es, Sie auf Ihrem Weg zu einem ganzen Menschen zu begleiten. Dieser Weg startet mit einer bedingungslosen Akzeptanz Ihrer gegenwärtigen Situation und psychischen Entwicklung.
Das seltsame Paradoxon ist, dass, wenn ich mich so akzeptiere wie ich bin, ich die Möglichkeit erlange, mich zu verändern.
– Carl Rogers
Durch erfolgreiche Arbeit mit Wunden und Entfremdungen gewinnen Sie die Fähigkeit zur Präsenz zurück – und zugleich eine gewisse Immunität gegen die psychische Unruhe, die durch vergangene Verletzungen und Traumata entstanden ist. Dadurch können Sie erfahrenes psychisches Leid und lebensgeschichtliche Prägungen in ein Fundament für charakterliche Reife verwandeln.

Mehr Informationen zur psychischer Unruhe und Traumata

Traumata erzeugen ein Dauerspannung im Nervensystem. Bis die Spannung gelöst wird, zirkuliert mobilisierte Überlebensenergie in unserem System, hält uns im Kampf- und Fluchtmodus und verhindert heilsame Entspannung. Um mehr darüber zu erfahren, lesen Sie den Artikel zu Somatic Experiencing:
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Sie erhalten die Gelegenheit, Ihre psychologischen Ressourcen zu identifizieren und zu entwickeln – Ihre Stärken und einzigartigen positiven Wesenszüge, die es Ihnen möglich machen, dunkle und schwere Anteile Ihrer Persönlichkeit besser betrachten zu können.

Durch erlebnisaktivierende Methoden werden emotionale Tiefenerfahrungen möglich, die Ihre Selbst- und Weltwahrnehmung fundamental verändern können. Dadurch können Sie sich Ihrer Muster bewusst werden – Sie entwickeln Selbst-Bewusstsein.

Einst Verstossenes kehrt zurück

Durch eine Identifikation und Integration verstossener Anteile werden Sie wieder vollständiger, rücken näher an das humanistische Ideal des ganzen Menschen – und werden damit fähig, andere Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten aufzurufen.
Wenn Sie vorhaben, weniger zu sein, als Sie können, werden Sie wahrscheinlich jeden Tag Ihres Lebens unglücklich sein.
– Abraham Maslow
Ihre psychologische Freiheit und persönliche Wahlfreiheit kann wachsen. Körperliche Blockaden und Hemmungen können gelöst werden und Ihre Psyche kann zu ihrer ursprünglichen Harmonie zurückfinden.

Die Integration verstossener Anteile führt dazu, dass es Ihnen leichter fallen wird, Ihre Grenzen zu ziehen und zu schützen. Durch eine besser integrierte Aggression können Sie vielleicht eine stärkere Identität aufzubauen und souveräner mit sich selbst und der Welt umgehen.

Sie werden fähig zu stärkerer Resilienz und Selbstregulation und gewinnen im gegenwärtigen Moment an Erdung, Klarheit und Zentriertheit. Sie legen damit die lebendige Saat für ein authentisches, von Sinn getragenes und selbstverwirklichtes Leben.

Warum Humanistische Psychotherapie?

Erst die die Menschlichkeit, dann ergibt sich der Rest

Aus der Fantasie vom »Homo oeconomicus«, dem objektiv und wirtschaftlich denkenden
Menschen, wurde im Laufe des letzten Jahrhunderts nach und nach »Homo homini lupus« – Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Eine unverwundete Psyche kann zwar auch mal mit »rauen Wassern« umgehen, kann diese jedoch kaum als Dauerzustand ertragen, ohne Erschöpfungssymptome zu zeigen und verwundet zu werden.

So ist das Menschenbild der der Humanistischen Psychotherapie ein Gegenentwurf zum »Homo oeconomicus« als der Illusion von einem Menschen, der ausschließlich von rationalen Impulsen gelenkt sei.

Und doch nimmt die humanistische Betrachtung ebenfalls Abstand zur animalischen Triebsteuerung des Menschen auf rein hormoneller und neurochemischer Basis, sondern sieht den Menschen als würdevolles Wesen freien Willens.

Wenn er darf und Wärme erfährt, ist der Mensch ein offenes, sinnsuchendes und liebendes Wesen. Wir werden erst unter widrigen Umständen hart, kalt und ausbeuterisch.

Nestwärme

Verschiedene Studien haben bereits die fundamentale Wichtigkeit der Nestwärme herausgestellt. Ein Kind kann genährt und versorgt werden, doch wenn die Liebe der Mutter fehlt und vergeblich nach ihrer Wärme gesucht wird, nimmt die psychologische Entwicklung des Kindes Schaden.
Humanistische Psychotherapie
Zu Beginn unseres Lebens brauchen wir alle Schutz und Wärme.
Diese Abhängigkeit von der warmen, nährenden Mütterlichkeit ebenso wie das soziale Wesen des Menschen werden im humanistischen Weltbild bedingungslos akzeptiert.
Wer es nicht mit Liebe schafft, schafft es auch mit Strenge nicht.
– Anton P. Tschechow
Ja, wir brauchen Wärme. Ja, wir brauchen andere Menschen. Das ist keine Schwäche, die wir überwinden und verdrängen sollten. Es ist eine evolutionäre Tatsache, die unser Potential als Mensch vertieft und das Überleben unserer Vorfahren sicherte. Unter anderem durch unsere Suche nach sozialer Wärme begannen wir, soziale Gemeinschaften zu bilden – der Rest ist Geschichte.

Unsere Fähigkeit zur Wärme hat uns an diesen Punkt der Evolution gebracht.

Temperatursturz

Wer die so notwendige Wärme im kindlichen Nest hatte, hat sein Leben außerhalb des Nestes jedoch noch vor sich.

Dann erst werden wir in die Welt entlassen – und stossen allzu häufig auf menschliche Kälte, Instrumentalisierung und ein mechanistisches Denken, das die Tiefe und Seele des Menschen nicht erfassen kann.

Das ist tatsächlich kein neues Phänomen, das nur der modernen westlichen Gesellschaft gehört. Das erste dokumentierte humanistische Aufbegehren in der Antike wurde durch den Einzug egoistischer und kleingeistiger Ausbeutung menschlicher Ressourcen in die Kultur Athens ausgelöst.
Die erste prägnante humanistische Revolte ist die von Platon, [der] sich gegen die Instrumentalisierung der Bildung, z. B. für politischen oder beruflichen Erfolg, stellt.
– Ehem. deutscher Kulturstaatsminister Julian Nida Rümelin in »Humanismus als Leitkultur«
Und so finden wir uns in einem selbstgeschaffenen Paradox wieder.

In einem System, das allein auf Kälte, Stärke und Effizienz fusst, wird eine charakterliche Ausrichtung auf Wärme und Nähe als naiv und schwach empfunden. Und tatsächlich können wir nicht nur warm sein. Wärme ist nur dann echt und kraftvoll, wenn sie von einem Rückgrat aus innerer Stärke gehalten wird.

Doch wirkt diese Verbindung in beide Richtungen: Es kann keine echte Stärke geben, wo Wärme und Menschlichkeit fehlen. Wer nur stark und kalt ist, wird brüchig – und übersieht wichtige Nuancen der menschlichen Erfahrung.

Wann starten wir unsere Reise zurück zum ganzen Menschen?

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Kontakt zu Dr. med. Heiner Dörfler

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